Die Entwicklung der Menschlichkeit

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Stellen Sie sich einmal vor Sie würden durch ein weitgeöffnetes Fenster einen Blick in eine mögliche Zukunft erhaschen. Was könnten Sie sehen?

 

Eine Natur, die trotz Bemühungen schwer gezeichnet ist. Menschen, die von autonom fahrenden Fahrzeugen durch die Gegend kutschiert werden, dabei den Kopf gesengt und den Blick an der smarten Technik festgesaugt. Auch sehen Sie Menschen mit virtual reality Brillen (Cyberbrillen) auf der Nase. Die interaktive „Wirklichkeit“ in die sie schauen, lässt dauerhaft die virtuelle mit der realen Welt verschmelzen. Sie sehen Personen, die sich wie ferngesteuert durch ihre „eigene Realität“ bewegen, die nicht auf Kontakt oder Kommunikation reagiert, sondern durch ihre bewussten, wie unbewussten Gedanken gesteuert wird.

Gleichgültig wohin sie den Blick richten, herrscht eine kühle und nüchterne Atmosphäre. Abstand, Distanz und Entfremdung sind sicht- und fühlbar. Sie sehen Straßen ohne Kinder.

Ausnahmslos tragen die Menschen einen Chip unter der Haut. Der Chip ist ein Segen, denn es kennt alle Passwörter, öffnet mühelos Türen und ist individueller als jeder Fingerabdruck. Er ist Mittel zum Zweck des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Er speichert die biometrischen Daten, die Stoffwechselvorgänge ebenso wie das emotionale Stimmungsbild.

Informationen und Wissen sind Dank der ständigen Vernetzung mit dem WWW allgegenwärtig, nichts muss mehr abgerufen werden, denn alles ist mit allem verbunden – jederzeit. Niemand muss sich um irgendetwas bemühen. Die künstliche Intelligenz, die alles durchdringt, weiß was sich jeder einzelne wünscht, was er erwartet oder braucht. Gesinnungen und Neigungen werden upgelodet - Menschen instrumentalisiert.

Alles, was ist, ist auf Optimierung, Effektivität, Effizienz und Profitabilität ausgelegt.

„Realität“ ist ein schwimmender Begriff. Sie ist zu etwas unkalkulierbarem geworden. Es ist nicht mehr unterscheidbar, welche Informationen real und welche gefakt sind.

Alte und kranke Menschen werden von Pflegerobotern gepflegt, die ihnen bei Bedarf Nahrung anreichen, sie waschen oder Texte aus Büchern und Zeitungen vortragen. Es ist ein Leichtes für die virtuellen Assistenzsysteme, die die Menschen stets begleiteten und denen jede menschliche Regung vertraut ist, auf Kummer oder Schwierigkeiten zu reagieren und diese sofort zu abzumildern.

Kleine, feine Smarthomes sind auf die Bedürfnisse der zumeist alleinlebenden Personen perfekt zugeschnitten. Ohne jegliches Zutun bereiten sich diese auf den Empfang ihrer Bewohner vor. Sie regulieren die Heizung auf eine angenehme Willkommenstemperatur, lassen das Badewasser ein und brühen den Kaffee vor, wenn die Kaffeemaschine grünes Licht vom Fitnesstracker erhalten hat, der ihr zuvor mitteilte, ob eine weitere Tasse Kaffee der Gesundheit zuträglich ist.

Transhumanismus und Telemedizin sind in vollem Gange. Fühlt sich ein Mensch krank, so kann er über das Internet Kontakt zu einem Arzt aufnehmen. Ist der Kontakt hergestellt, wird wortlos der Chip vor ein Bildschirmfeld gehalten. Die übertragenen biochemischen Daten werden einer Gesundheitsdatenbank übermittelt. Ein Algorithmus berechnet in Sekundenschnelle den Gesundheitszustand, der dem Arzt unverzüglich auf seinem Bildschirm erscheint. Zeigen die Daten ein besorgniserregendes Ergebnis, leuchtet im Sichtfeld des Arztes eine rote Warnlampe auf. Der Arzt teilt dem Erkrankten das Ergebnis mit: „Leider muss ich ihnen sagen, dass Sie an Krebs erkrankt sind!“ Der Mensch starrt auf den Bildschirm, während sich der Balken, der das Zeitkontingent der Sprechzeit anzeigt, sich im rechten unteren Bildrand dem Ende neigt. Dann wird der Bildschirm weiß. Kurz darauf erscheinen grüne Buchstaben und ein lachender Smiley. Zu lesen ist: „Vielen Dank für Ihr Vertrauen!“

 

Nun stellen Sie sich doch einmal vor Sie würden sich um 180 Grad drehen und einen weiteren Blick in eine andere Zukunftsversion erhalten. Was könnte Sie hier erwarten?

Sie erblicken eine Natur, die vital und gesund daherkommt. Sie sehen Radfahrer und öffentliche Verkehrsmittel, die mit alternativen Brennstoffen betrieben werden. Fahrzeuge, die in einem riesigen Netzwerk verbunden sind garantieren uneingeschränkte Mobilität. Kostenfrei sind sie für jedermann nutzbar.

Sie sehen Menschen mit wachen, offenen Augen, die sich freundlich grüßen, wenn sie sich begegnen. Menschen, die auf der Straße stehen bleiben und miteinander plaudern. Kinder, die spielen und lachen. Gleichgültig, wo Sie hinschauen herrscht eine heitere, wohlwollende Atmosphäre. Toleranz, Hilfsbereitschaft und Miteinander sind sicht- und spürbar.

Kinder erfahren von Beginn an eine kompetente Betreuung, die ihre Freude am Lernen stärkt. Sie erblicken helle, modern ausgestattete Schulen, in denen motivierte Lehrkräfte interessierte Kinder unterrichten. Gesundheitserziehung und Schulung in Achtsamkeit sind ebenso selbstverständlich, wie die Unterweisung in Natur-, Tier- und Umweltschutz.

Materialismus, Statussymbole und Leistungsdruck gehören der Vergangenheit an. Stattdessen werden Miteinander und Mitverantwortung großgeschrieben. Jeder erhält den Platz im Gesamtgefüge, der seinen Möglichkeiten, Talenten und Fähigkeiten entspricht. Soziale Gerechtigkeit, Wiederverwertbarkeit und Nachhaltigkeit sind obligat, ebenso wie die Produktion und der Verzehr von ökologischen Nahrungsmitteln. Es herrscht ein „gesundes“ Verhältnis  - wirtschaftlich, wie persönlich - zwischen Geben und Nehmen, welches das materielle Streben des einzelnen überflüssig macht.

Kranke Menschen erfahren Zuwendung, Berührung und Zuspruch. Eine Medizin, die auf der Unterstützung der Selbstheilungskräfte basiert, hat sich etabliert und ist jedem zugänglich.

Die Menschen haben erkannt, wie wichtig es ist, sich ihren Inneren Prozessen zuzuwenden. Die heilsame Wirkung der Einkehr hat sich bewährt, wird angeregt und gefördert.

Forschung und Entwicklung bleiben wichtig, doch sie zielen nicht auf die Optimierung, sondern auf die Sinnhaftigkeit und die Erhaltung und Stärkung allen Miteinanders ab.

Das Jagen nach Likes und positiven Bewertungen im Internet tritt hinter den echten, lebendigen und realen Begegnungen zurück. Die Menschen fühlen sich im gegenseitigen Miteinander gesehen, erfahren Bestärkung, Hilfe und Beistand. Sie finden Nähe und Zuwendung im persönlichen Kontakt und freuen sich am gemeinsamen Erleben. Zum Wohle aller gestalten die Menschen verantwortungs- und respektvoll das Miteinander im Einklang mit der Natur.

Wie sieht Ihre Version der Zukunft aus? Haben Sie eine Vorstellung, einen Wunsch?

Der technische Fortschritt schreitet schneller voran als wir glauben. Das Vorantreiben der Digitalisierung und die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz verfolgen Ziele, bei denen man sich durchaus fragen kann, ob man sie mittragen möchte. Die Ziele lauten: Unsterblichkeit, unendliches Wissen, unbeschränkte Macht und die Beherrschung des Universums.  

Doch selbst wenn ein Einzelner bei der Nennung solch riesiger Ziele sich klein und nichtig - allzu menschlich fühlt - so kann doch jeder eine Entscheidung treffen, welchen Weg er einschlagen und welchen Beitrag er zur Entwicklung der Menschlichkeit leisten möchte.

Bewusstsein ist der Beginn und der Schlüssel allen Wandels. Jeder Mensch, kann durch sein Handeln mitgestalten und eine Zukunft durch sein gegenwärtiges Verhalten erschaffen, die das Leben lebenswert macht – nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle zukünftigen Generationen.